Fertility Benefits – wenn Arbeitgeber das Wunschkind ermöglichen

Kinderwunsch ist Privatsache – oder vielleicht doch nicht mehr so ganz? In Deutschland tut sich etwas: Unternehmen erkennen inzwischen, dass ein unerfüllter Kinderwunsch Probleme beim Kinderkriegen ein echtes Thema sind. Einzelne Firmen bieten bereits Fertility Benefits – freiwillige Leistungen, die medizinische Hilfe finanziell unterstützen, wenn es mit dem Nachwuchs nicht auf Anhieb klappen will. Vom Zyklustracking bis zur In Vitro Fertilisation (IVF) gibt es viele Möglichkeiten. Doch die teuerste Behandlung muss nicht immer die beste sein, rät ein Reproduktionsmediziner.

Ein Vorreiter ist der Pharmariese Merck. Seit Anfang 2024 bietet er seinen Mitarbeitern eine finanzielle Beteiligung für Kinderwunschbehandlungen – von der Hormonanalyse über IVF bis zum Einfrieren von Keimzellen. Fast 300 Anträge wurden seither allein in Deutschland gestellt. „Ein unerfüllter Kinderwunsch ist eine der belastendsten Phasen im Leben. Wir wollen unseren Mitarbeitern in dieser Zeit ein Stück Sicherheit geben“, sagt Christian Leufgen, Head of People Recognition & Rewards bei Merck. Es geht dabei nicht nur um Kostenübernahme, sondern vor allem um ein Signal: Du bist nicht allein. Die Anfragen stammen nicht nur von Paaren. Auch alleinstehende Frauen und Männer nutzen das Angebot.

Für Merck ist das kein Lippenbekenntnis. Der Fertility Benefit ist Teil eines umfassenden Programms, das auch Pflegezeiten, mentale Gesundheit und flexible Arbeitszeiten umfasst. „Wir sind selbst ein Familienunternehmen mit einer über 350-jährigen Geschichte. Entsprechend wichtig ist für uns das Thema Familie“, erklärt Leufgen. Wer reproduktive Gesundheit unterstützt, signalisiert Fürsorge und Modernität. In den USA ist das längst angekommen: Tech-Konzerne wie Google, Facebook oder Salesforce übernehmen dort Behandlungskosten von bis zu 75.000 Dollar. Und der Druck in Deutschland wächst. Angesichts sinkender Geburtenraten, steigenden Durchschnittsalters beim ersten Kind und wachsender Konkurrenz um Fachkräfte wird das Thema zum Faktor beim Employer Branding. „Fertility Benefits sind kein Trend“, sagt Prof. Henry Alexander von VivoSensMedical, „sie sind Ausdruck einer neuen Verantwortungskultur. Wer Mitarbeitende nicht nur im Büro sieht, sondern als ganze Person – der denkt Fertilität mit.“

Der individuelle Weg zum Wunschkind

Doch der Markt ist unübersichtlich. Unternehmen wie Merck überlassen die Wahl der passenden Behandlung zwar ihren Mitarbeiterinnen bzw. deren Ärzten, aber neue Methoden kommen ständig hinzu. „Nur weil sich Arbeitgeber bei Mitarbeiterinnen mit Kinderwunsch an kostspieligen IVF-Behandlungen beteiligen, sollten sie nicht gleich auf diese belastende Methode einlassen“, warnt Henry Alexander. „70 Prozent aller Frauen haben nämlich keinen Standardzyklus“, erklärt der Professor. Der Reproduktionsmediziner hat den OvulaRing entwickelt – ein zertifiziertes Medizinprodukt zur kontinuierlichen Messung der Körperkerntemperatur. „Viele Apps basieren auf dem Idealbild eines 28-Tage-Zyklus mit Eisprung am 14. Tag. Das ist nicht haltbar.“

OvulaRing wird vaginal getragen und misst rund um die Uhr. Medizinische Algorithmen werten die Daten aus. Dies erlaubt eine präzise Aussage über den Zeitpunkt des Eisprungs. Das Verfahren wird in der klinischen Praxis eingesetzt – etwa um hormonelle Störungen, Gelbkörperschwäche oder Zyklusanomalien zu erkennen. Schon länger übernimmt die betriebliche Krankenversicherung von Merck die Kosten – und nun ist OvulaRing auch im Fertility-Benefits-Programm.

Für Alexander ist die kontinuierliche Temperaturmessung ein Paradigmenwechsel in der Diagnostik. „Ich wünsche mir, dass keine Frau sich einer künstlichen Befruchtung unterzieht, bevor sie nicht sechs Monate ihren Zyklus getrackt hat. Das könnte vielen eine unnötige IVF ersparen.“ Perspektivisch könnten solche Methoden nicht nur in der Kinderwunschdiagnostik, sondern auch bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma oder Multipler Sklerose eingesetzt werden. Denn auch dort zeigt die Körperkerntemperatur auffällige Muster – oft schon, bevor die Patientin Symptome bemerkt. „Die Körperkerntemperatur ist ein unterschätzter Biomarker“, sagt Alexander. „Jeder Mensch hat individuelle Temperaturverläufe, die so einzigartig sind wie ein Fingerabdruck.“ Seine Vision: Datengetriebene Medizin, die Frauen nicht mehr über einen Kamm schert, sondern auf ihre biologischen Muster reagiert.

Egal, für welche Behandlung sich Frauen mit Kinderwunsch letztendlich entscheiden, für Merck sind die Fertility Benefits bereits ein voller Erfolg. „Die Rückmeldungen aus der Belegschaft zeigen, dass das Thema einen Nerv trifft. Der sogenannte Fertility Helpdesk wird rege genutzt, viele äußern erstmals offen ihre Sorgen“, so Christian Leufgen. Das Tabu weicht – und mit ihm die Vorstellung, dass Familiengründung ein privates Projekt ohne berufliche Relevanz sei. Die nächsten Jahre dürften entscheidend werden. Ob weitere Unternehmen folgen und ob sich eine breitere Debatte um digitale Diagnostik und individuelle Gesundheitsvorsorge entfaltet – all das hängt vom Mut der Akteure ab. Die Technologie ist da. Die Bedürfnisse auch. „Es geht nicht darum, Frauen zu kontrollieren“, betont Alexander. „Es geht darum, ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, die ihnen echte Wahlfreiheit ermöglichen – und eine Medizin, die ihnen gerecht wird.“

Weitere Informationen:

Webseite: vivosensmedical.com, ovularing.com